punta manarajpg
als mutter vor jahren im sterben lag, verbreitete sich um diese alte, gelähmte frau während tagen ein unglaublicher frieden. zeitenweise war sie weg, schien zu schlummern, dann plötzlich schlug sie die augen auf und strahlte uns mit dem glücklichsten gesicht an, das ich je an ihr zu sehen bekommen habe. in diesem eigenartigen schwebezustand entglitt uns jedes gefühl für zeit. es gab nichts mehr zu erwarten, keine hoffnungen mehr, keine illusionen. dennoch verbrachten wir eine selten berührende und wunderbare letzte zeit zusammen.
und jetzt lese ich in was dir bleibt von jocelyne saucier in denselben worten vom sterben einer alten frau! - jahre vor dem tod meiner mutter hatte ich diese friedvolle ruhe, diesen schwebezustand, bereits kennen gelernt während einer mittelohrentzündung. seither kam er immer mal wieder zu besuch ... dann immer öfter, unabhängig von erkrankungen und sterben. bis klar wurde, dass frieden allgegenwärtig ist - erkannt oder eben auch nicht.

warum eigentlich wollen wir vom sterben so wenig wissen? von frieden und zuversicht, vermeiden diese sogar, indem wir einer illusion oder vision nach der anderen hinterherjagen? in visionen kann kein frieden sein, denn sie verschieben dinge immer auf später, sind nie das, was gerade ist. frieden ist allgegenwärtig in allem, was ist - jenseits von visionen, jenseits von ich, jenseits von worten.

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menschen möchten reden, ihre geschichten erzählen, eine meinung darstellen, argumentieren, handeln, kämpfen - häufig, auch für frieden ... aber das ist keine frieden, eher schon unruhe und aufregung.
heute auf einem weg entlang der töss gingen die füsse sacht über laub. der fluss glitzerte, rauschte leise. licht tanzte in den bäumen. einige trugen schon die farben des herbsts. ein letzter sommervogel schaukelte vor mir her, tiefrotes flackern in der luft. laue sonne wärmte die haut. denken verstummte für stunden. in dieser stille lag unendlicher frieden - ein frieden, der weder kommt noch geht, der durch nichts gestört werden kann, der nicht erreicht werden kann, weil er schon immer da war.

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frieden finden ist kein ziel. kein bemühen um frieden wird je zu frieden führen.

friede ist schon immer da, hinter den dingen, hinter den worten, auch dazwischen, in der plötzlichen stille, die mich befällt, ohne dass je etwas dafür getan wurde, am lauten bellevue mitten in der stadt im getöse des strassenverkehrs, inmitten greller plakate, hektischem treiben ... während ein eben angefangener gedanke, anstatt sich weiterzuspinnen, einfach verschwindet, sich in nichts auflöst, tritt unendliche stille ein, ist tiefer frieden unmittelbar da.

das ist der einzig wahre frieden, den es gibt. man braucht nichts dafür zu tun. man kann nichts dafür tun. frieden werden wir nie finden, wenn wir nicht in diesem frieden ruhen.

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sie traf mich unerwartet doch nicht unvorbereitet, die energetische verschiebung, von tony parsons in meetings zum open secret immer wieder beschrieben, sofern sich so etwas überhaupt beschreiben lässt.
etwas war mit dem ganzen organismus geschehen, was ich irrtümlicherweise erst momentanen, ziemlich lästigen erkrankungen zugeschrieben hatte. nein, ich hatte vieles falsch gedeutet, aber - scheinbar lichtjahre (in uhrzeit gemessen wohl einige tage) später - nachdem es bereits passiert war, fügte das geschehen sich im denken zu einer erkenntnis: täglich hatte ich mich von geringfügigen bis grossen dingen blenden lassen, gedacht "das ist es!" oder "dort ist das ziel!" und war losgerannt, auf irrlichter zu, ohne richtig zu bemerken, dass ich nirgends hinkam. 'ich' kam sich dabei meist grossartig vor. wie absurd. wie sinnlos. welche verschwendung von energie. kein wunder folgte jetzt erschöpfung ...

das heisst nicht, dass ich in 'meiner' geschichte nicht jede menge erlebt und gelernt hätte. an dem hat es nie gefehlt. nichts ist je falsch gelaufen. alles hat sich gefügt, wie es sich fügen musste. unerkannt blieb, dass 'ich' nie der autor dieser geschichte war und überdies immer noch etwas mehr wollte ... und dass ich das nie bekommen würde!

es gab im moment dieser erkenntnis einen kurzen blick zurück über das ganze leben; eine freundin hat es ziemlich passend als nahtod-erlebnis bezeichnet: dieses ausstreuen faszinierender irrlichter des 'ich' war über alle jahre das eine und einzige motiv dieses lebens gewesen ... jedoch ergab sich das von selbst, ohne irgendwelche regieanweisungen, und zielte genau auf die eben stattfindende - der begriff macht schon sinn! - erleuchtung dieser grossartigen illusion. dieser wurde im moment ihrer erkenntnis zugleich der prozess gemacht, im bruchteil eines augenblicks - irreversibel. das rennen, die jagd nach irrlichtern, jede suche war zu ende, blieb das übrig, was schon immer da gewesen war, nie gefunden werden kann, DAS was ist, einzigartig, unbeschreibbar ...

leben ging weiter wie bisher und doch war alles anders ...

diese beschreibung ist und kann nicht mehr sein als eine - vermutlich unverständliche - geschichte, bereits verblasst wie meine gesamte lebensgeschichte schon seit einiger zeit verblasst war, ebenso zukunft, die auch nicht mehr sein kann als eine geschichte über etwas kommendes, von der 'ich' sich verführen lässt, immer von neuem ... um dann nirgends hinzukommen, nie ganz zu erhalten, was es sich ersehnt, weil fiktion fiktion bleiben muss. sie kann sich scheinbar selbst am leben erhalten, was nirgends hinführt ausser zu einer endlosen wiederholung des immer gleichen - eines spiels des irrlichternden ich

leben selbst fragt nie nach nutzen, sinn, erfolg etc. leben ist einfach. nutzen, sinn, erfolg sind erdachte produkte eines wesens, dass sich andauernd um sich selbst dreht - einem fiktiven 'ich'