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Verrückt: mein Leben lang habe ich mein Tun kategorisiert in mehr oder weniger wertvoll – mit unangenehmen Folgen. Rasieren etwa, weil 'minderwertig' investierte Zeit, war lästig und hatte schnell zu erfolgen, damit ich mehr Zeit hatte für wertvolles.

So habe ich mich durch Werturteile von der Ganzheit des Lebens abgeschnürt.

Jedoch: Ganzheit ist immer, auch wenn ich sie in einer eiligen Rasur nicht wahrnehme, weil ich mich bereits auf etwas anderes ausrichte. Wir selbst, jeder Moment unseres Seins ist ganz. Spürbar wird Ganzheit erst, wenn wir uns dem vollständig hingeben, was gerade geschieht, ohne jede Wertung – ein sehr stilles Geschehen.

Denken allerdings kann dies nicht erfassen, denn es erdenkt sich eine Autonomie, die wir nicht sind. Diese lässt uns als vom Ganzen getrennt erfahren, was mit dem Erfahren eines Mangels einhergeht. Um den zu beheben denken wir: wir müssten etwas tun, wir bräuchten mehr, besseres, intensiveres oder anderes. Dieses Denken jagt uns richtiggehend durchs Leben. Vergeblich, denn eine Vermehrung von etwas kann uns nie vollständiger machen als wir schon sind, sondern frustriert nur. Erfahrungen lassen sich zwar intensivieren, über eine gewisse Zeit. Danach ist auch der Mangel entsprechend intensiver; eine Basis für jede Form von Sucht. Sein lässt sich weder vermehren noch intensivieren. Was wir auch tun, das Falsche wird stets unergiebig bleiben; es kann uns nicht erfüllen.

Ich, 'mein' Denken kann nichts tun. Ohne mein Zutun verfalle ich grundlos in das, was immer ist – Ganzheit. Während ich in der lauten Stadt einer wenig schönen Strasse entlang gehe. Und nichts fehlt mehr. Ich müsste nirgendwo anders sein, nichts anderes mehr haben. Da ist einfach präsentes Gehen und Atmen in einer Strasse. Alles erfüllt sich spontan aus grosser Tiefe. Präsenz und Wachheit für DAS alles reichen. Ganzheit verlangt nie nach mehr oder anderem. Allerdings: wenn immer diese Hingabe geschieht, ist Denken zwar nicht abwesend, aber im Hintergrund und zeitenweise ganz still. Vor allem entfallen Bewertungen. Auch in der lauten Stadt ist da die Stille hinter der Stille wahrnehmbar. Welcher Friede.

Diese spontane Hingabe an das Ganze, an Sein, wenn es denn geschieht, so ungeheuerlich es ist, so schwierig können anfangs die begleitenden Umstände werden, wenn es nicht bei einem einmaligen Einbrechen dieses Geschehens bleibt sondern dieses sich vertieft. Man wird in unserer Gesellschaft mit so etwas meist sehr allein sein. Ausserdem ist mit beunruhigenden, energetischen Verschiebungen im psychophysischen Haushalt zu rechnen. Vielleicht geht jede Orientierung verloren. Vielleicht wird dieses Geschehen von grossen Verlusten und einer Umwälzung von Werten und Normen begleitet. Sobald Denken zurückkehrt, kann sich die Frage stellen: Was? Das soll alles sein, was ich bin und will? Denken scheint sich von tollen Geschichten, Sensationen und erreichten Zielen zu 'ernähren', von Ideen über Kontrolle, Macht, Errungenschaften, Reisen etc. Selbst wenn das nur Irrlichter sind: was ist ein Leben ohne ohne all das...? Nun, es ist bescheidener, endlich vollständig ... und das ist Frieden.

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sie traf mich unerwartet doch nicht unvorbereitet, die energetische verschiebung, von tony parsons in meetings zum open secret immer wieder beschrieben, sofern sich so etwas überhaupt beschreiben lässt.
etwas war mit dem ganzen organismus geschehen, was ich irrtümlicherweise erst momentanen, ziemlich lästigen erkrankungen zugeschrieben hatte. nein, ich hatte vieles falsch gedeutet, aber - scheinbar lichtjahre (in uhrzeit gemessen wohl einige tage) später - nachdem es bereits passiert war, fügte das geschehen sich im denken zu einer erkenntnis: täglich hatte ich mich von geringfügigen bis grossen dingen blenden lassen, gedacht "das ist es!" oder "dort ist das ziel!" und war losgerannt, auf irrlichter zu, ohne richtig zu bemerken, dass ich nirgends hinkam. 'ich' kam sich dabei meist grossartig vor. wie absurd. wie sinnlos. welche verschwendung von energie. kein wunder folgte jetzt erschöpfung ...

das heisst nicht, dass ich in 'meiner' geschichte nicht jede menge erlebt und gelernt hätte. an dem hat es nie gefehlt. nichts ist je falsch gelaufen. alles hat sich gefügt, wie es sich fügen musste. unerkannt blieb, dass 'ich' nie der autor dieser geschichte war und überdies immer noch etwas mehr wollte ... und dass ich das nie bekommen würde!

es gab im moment dieser erkenntnis einen kurzen blick zurück über das ganze leben; eine freundin hat es ziemlich passend als nahtod-erlebnis bezeichnet: dieses ausstreuen faszinierender irrlichter des 'ich' war über alle jahre das eine und einzige motiv dieses lebens gewesen ... jedoch ergab sich das von selbst, ohne irgendwelche regieanweisungen, und zielte genau auf die eben stattfindende - der begriff macht schon sinn! - erleuchtung dieser grossartigen illusion. dieser wurde im moment ihrer erkenntnis zugleich der prozess gemacht, im bruchteil eines augenblicks - irreversibel. das rennen, die jagd nach irrlichtern, jede suche war zu ende, blieb das übrig, was schon immer da gewesen war, nie gefunden werden kann, DAS was ist, einzigartig, unbeschreibbar ...

leben ging weiter wie bisher und doch war alles anders ...

diese beschreibung ist und kann nicht mehr sein als eine - vermutlich unverständliche - geschichte, bereits verblasst wie meine gesamte lebensgeschichte schon seit einiger zeit verblasst war, ebenso zukunft, die auch nicht mehr sein kann als eine geschichte über etwas kommendes, von der 'ich' sich verführen lässt, immer von neuem ... um dann nirgends hinzukommen, nie ganz zu erhalten, was es sich ersehnt, weil fiktion fiktion bleiben muss. sie kann sich scheinbar selbst am leben erhalten, was nirgends hinführt ausser zu einer endlosen wiederholung des immer gleichen - eines spiels des irrlichternden ich

leben selbst fragt nie nach nutzen, sinn, erfolg etc. leben ist einfach. nutzen, sinn, erfolg sind erdachte produkte eines wesens, dass sich andauernd um sich selbst dreht - einem fiktiven 'ich'