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All 'mein' Tun bewegt sich in einem fort auf einen einzigen Punkt hin – die Verwirklichung dessen, was in diesem ewig gegenwärtigen und einzigartigen Augenblick gerade zu geschehen hat. Wenn es so etwas wie Macht gibt, dann liegt sie in der Präsenz, augenblicklich eingestimmt zu sein auf das, was gerade geschieht und angemessen auf die sich andauernd wandelnden Anforderungen einzustellen.

Das ist keine persönliche Macht, sondern Hingabe an etwas Grösseres als alles, was wir uns vorstellen können, eine Übereinstimmung mit dem Sein, seinen kosmischen Kräften und seiner Intelligenz. Können diese ungehindert fließen, entwickeln sie eine ungeheure Gestaltungskraft. Und das ist Handeln in absolutem Frieden.

Dies ist weit weg von unserem gängigen Denken. Jenes nimmt alles Geschehen sofort in Besitz und will es beherrschen. Es will Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, Einordnung in eine linear gedachte Zeit, Erklärungen, Analysen, Berechnungen, Konzepte, Täter und Opfer, Bewertungen etc. Wenig von diesem pausenlosen Gedankenstrom ist von praktischem Nutzen, noch weniger ist geistvoll. Umso mehr davon ist schlicht Müll. Im Zentrum dieses Treibens das Ego oder Ich, welches eben die Kontrolle über das Geschehen möchte und so dauernd Gewalt an ihm ausübt.

Die Produkte des Denkens – unsere Vor-Stellungen von Leben – stellen für das Ich die Realität dar. Jedoch: ein Haufen von Begriffen und Konzepten kann niemals real sein. Umso mehr führt er wie ein grosses Irrlicht in die Irre. Denken wird das Lebendige nie fassen, weil dieses nicht fassbar ist. Die Hirngespinste des Egos können höchstens die Entfaltung von Lebendigkeit beeinträchtigen. Lebendigkeit ist eine andauernde, unberechenbare Verwirklichung jenseits allen Denkens. Dafür wach sein.

Hinweis: wenig vom Treiben des Denkens wird überhaupt bewusst, so dass wir die meiste Zeit ebenso wenig präsent durch die Welt gehen – im Denken verloren. Aber wie können wir es uns überhaupt leisten, dieses heilige Leben so zu vergeuden? In der Präsenz dominiert nicht Denken sondern allgegenwärtige Wachheit. Dann ist es sogar möglich, dass während all unseres Tuns zugleich jeder Atemzug wahrgenommen wird. Man wirkt im Rhythmus des Atems. Oder: an Stelle des Denkens tritt das Atmen.

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Verrückt: mein Leben lang habe ich mein Tun kategorisiert in mehr oder weniger wertvoll – mit unangenehmen Folgen. Rasieren etwa, weil 'minderwertig' investierte Zeit, war lästig und hatte schnell zu erfolgen, damit ich mehr Zeit hatte für wertvolles.

So habe ich mich durch Werturteile von der Ganzheit des Lebens abgeschnürt.

Jedoch: Ganzheit ist immer, auch wenn ich sie in einer eiligen Rasur nicht wahrnehme, weil ich mich bereits auf etwas anderes ausrichte. Wir selbst, jeder Moment unseres Seins ist ganz. Spürbar wird Ganzheit erst, wenn wir uns dem vollständig hingeben, was gerade geschieht, ohne jede Wertung – ein sehr stilles Geschehen.

Denken allerdings kann dies nicht erfassen, denn es erdenkt sich eine Autonomie, die wir nicht sind. Diese lässt uns als vom Ganzen getrennt erfahren, was mit dem Erfahren eines Mangels einhergeht. Um den zu beheben denken wir: wir müssten etwas tun, wir bräuchten mehr, besseres, intensiveres oder anderes. Dieses Denken jagt uns richtiggehend durchs Leben. Vergeblich, denn eine Vermehrung von etwas kann uns nie vollständiger machen als wir schon sind, sondern frustriert nur. Erfahrungen lassen sich zwar intensivieren, über eine gewisse Zeit. Danach ist auch der Mangel entsprechend intensiver; eine Basis für jede Form von Sucht. Sein lässt sich weder vermehren noch intensivieren. Was wir auch tun, das Falsche wird stets unergiebig bleiben; es kann uns nicht erfüllen.

Ich, 'mein' Denken kann nichts tun. Ohne mein Zutun verfalle ich grundlos in das, was immer ist – Ganzheit. Während ich in der lauten Stadt einer wenig schönen Strasse entlang gehe. Und nichts fehlt mehr. Ich müsste nirgendwo anders sein, nichts anderes mehr haben. Da ist einfach präsentes Gehen und Atmen in einer Strasse. Alles erfüllt sich spontan aus grosser Tiefe. Präsenz und Wachheit für DAS alles reichen. Ganzheit verlangt nie nach mehr oder anderem. Allerdings: wenn immer diese Hingabe geschieht, ist Denken zwar nicht abwesend, aber im Hintergrund und zeitenweise ganz still. Vor allem entfallen Bewertungen. Auch in der lauten Stadt ist da die Stille hinter der Stille wahrnehmbar. Welcher Friede.

Diese spontane Hingabe an das Ganze, an Sein, wenn es denn geschieht, so ungeheuerlich es ist, so schwierig können anfangs die begleitenden Umstände werden, wenn es nicht bei einem einmaligen Einbrechen dieses Geschehens bleibt sondern dieses sich vertieft. Man wird in unserer Gesellschaft mit so etwas meist sehr allein sein. Ausserdem ist mit beunruhigenden, energetischen Verschiebungen im psychophysischen Haushalt zu rechnen. Vielleicht geht jede Orientierung verloren. Vielleicht wird dieses Geschehen von grossen Verlusten und einer Umwälzung von Werten und Normen begleitet. Sobald Denken zurückkehrt, kann sich die Frage stellen: Was? Das soll alles sein, was ich bin und will? Denken scheint sich von tollen Geschichten, Sensationen und erreichten Zielen zu 'ernähren', von Ideen über Kontrolle, Macht, Errungenschaften, Reisen etc. Selbst wenn das nur Irrlichter sind: was ist ein Leben ohne ohne all das...? Nun, es ist bescheidener, endlich vollständig ... und das ist Frieden.

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ist die absolute verwirklichung deiner selbst ... (oder so ähnlich!) diesen satz habe ich einmal von karl renz gehört. nach solchen bemerkungen stellte sich manchmal grosse stille ein im raum, in der ich stunden hätte verweilen können, weil in ihr ein unermesslicher friede lag

den satz habe ich nie vergessen. er gilt selbstverständlich auch, wenn du den schluck kaffee nimmst und dabei in gedanken an etwas ganz anderes verloren bist. dann ist eben das die absolute verwirklichung deiner selbst

der satz gilt für alles, den nächste schritt, den du gehst, die nächste deiner - vielleicht achtlosen - gesten, das nächste gesprochene, hingeschriebene oder gelesene wort ... bis hin zur eile des wesens, das von ansprüchen eines fiktiven ichs gejagt durch die welt hastet, oder auch kollabiert, depressiv wird ... alles verwirklichung des seins, nicht mehr und nicht weniger als es sich in einer ente verwirklicht, die an einem sonnigen morgen auf dem wasser schaukelt, oder im spatz, der zu deinen füssen auf ein krümel deines croissants zum kaffee hofft - wunderschön nicht?

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wie geht es dir?
das hatte er gefragt
 
wie geht es einem der verschwindet
vor alle geschichten - vor alle worte?

schwer zu beschreiben
stille und frieden vielleicht
ein frieden grenzenlos
und jenseits aller bedingungen
das ständige wollen verliert sich
und damit die welt
mit ihren angeboten und dingen
ihrem drängen und tun
ihren kommentaren und konzepten

der eremit
mitten in der stadt
findet lebendigkeit
nicht in ihrem ruhelosen treiben

sie ist in ihm
mehr: sie ist ihn
ohne jedes zweite
erfüllt in jedem augenblick

hatte 'er' gefragt?
vor allen worten gibt es keinen anderen
gibt es nur DAS, was nicht beschreibbar

also hatte ich mich selbst gefragt
 
aussichtslos: es gibt sowenig eine antwort
wie auf das summen einer fliege